Home » Psychoaktives Magazin » Suchttherapie » Kann ich meinem Bauchgefühl noch trauen? Wie Sucht und Drogenkonsum unsere Körperwahrnehmung verändern

Das Wichtigste in Kürze

✓ Das Bauchgefühl basiert auf Interozeption – der Fähigkeit, innere Körperzustände wahrzunehmen. In der Sucht verändert sich dieses System: Die Insula speichert die körperlichen Effekte des Konsums als „Normalzustand“, wodurch nüchterne Signale fremd oder „falsch“ wirken können.

✓ Viele Menschen erleben in der frühen Nüchternheit eine Entfremdung vom eigenen Körper. Die Orientierung daran, was „sich richtig anfühlt“, ist vorübergehend gestört, weil das Gehirn über Jahre gelernt hat, drogenassoziierte Empfindungen als Balance zu interpretieren.

✓ Craving entsteht häufig aus einem sogenannten Body Prediction Error: Der erwartete Körperzustand (mit Substanz) stimmt nicht mehr mit dem tatsächlichen (nüchternen) überein. Die Insula meldet diese Abweichung als Dringlichkeit – der präfrontale Cortex schlägt den früheren Lösungsweg „Konsum“ vor.

✓ Für mehr Informationen findest du die ausführliche Podcastfolge zum Thema “Ist mein Bauchgefühl kaputt? Sucht und Intuition” hier auf deinem Lieblingsplayer.


Inhalt


Wie Drogenkonsum und Sucht uns vom Körper entfremden

Vor ein paar Jahren fragte ich einen Klienten, was ihm in einer bestimmten Situation sein Bauchgefühl sagt.
Seine sehr abwehrende Antwort blieb bei mir stark hängen:

„Mein Bauchgefühl? Das ist doch scheiß egal was das sagt. Das ist eh falsch und führt mich nur auf Abwege.“

Viele Menschen, die auf dem Weg sind ihren Konsum radikal zu verändern, erleben genau das.
Sie spüren zwar etwas, aber wissen nicht, ob es „echt“ ist oder einfach Entzug, Angst oder alte Gewohnheit.
Das Bauchgefühl, das früher Orientierung gab, wirkt plötzlich unzuverlässig.
Manche beschreiben es sogar als Feind:

„Wenn ich darauf höre, lande ich wieder da, wo ich nie wieder hin möchte.“


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Was meinen wir überhaupt, wenn wir vom Bauchgefühl sprechen?

Wenn wir sagen „Mein Bauchgefühl sagt mir…“, meinen wir meist eine unmittelbare, körperlich verankerte Reaktion, die entsteht, bevor wir eine Situation rational analysieren.
Neurobiologisch beschreibt das den Prozess der Interozeption: die Fähigkeit, innere Körperzustände wahrzunehmen wie z.B. Herzschlag, Atmung, Spannung, Wärme, Kälte, kleine emotionale Verschiebungen.

Diese Signale werden im Gehirn fortlaufend ausgewertet. Zentral beteiligt ist vor allem die Insula, die wie eine Übersetzungsstelle zwischen Körper und Bewusstsein funktioniert. Sie sammelt Signale, ordnet sie ein und erzeugt daraus bewusst erlebbare Gefühle. Gemeinsam mit dem anterioren cingulären Cortex (ACC) entsteht daraus eine Art Bewertung: Wie wichtig ist dieses Gefühl? Braucht es Handlungsimpulse?


Warum fühlt sich das Bauchgefühl bei Suchterfahrung „falsch“ an?

Regelmäßiger Konsum greift nicht nur das Belohnungssystem an, er verändert auch die interozeptive Landkarte des Gehirns. Jede Substanz erzeugt typische körperliche Signale: Wärme, Ruhe, Aktivierung, Anspannung, Entlastung.
Diese Empfindungen werden im Körpergedächtnis gespeichert und bekommen mit der Zeit einen besonderen Status: Sie werden zum erwarteten Normalzustand.

Die Insula lernt: So fühlt sich Balance an.
Der Körper speichert diese Empfindungen als Referenz. Wenn die Substanz fehlt, entsteht ein Abweichungssignal, ein sogenannter Body Prediction Error. Der Körper registriert: „Etwas stimmt hier nicht.“ Das Ergebnis ist häufig Unruhe, Fremdheit oder Craving.

In der frühen Nüchternheit führt das zu einem paradoxen Effekt: drogenbezogene Körpersignale werden übermäßig stark wahrgenommen und normale Körpersignale werden zu schwach interpretiert.

Das innere Navigationssystem verliert damit an Kalibrierung. Viele beschreiben das als eine Phase, in der sie ihrem Bauchgefühl nicht mehr vertrauen können. Das ist verständlich, denn das interozeptive Netzwerk braucht Zeit, um sich neu zu ordnen.


Ist mein Bauchgefühl jetzt „kaputt“ – oder kann es sich wieder stabilisieren?

Die gute Nachricht: Dieses System ist plastisch. Es lässt sich neu ausrichten, aber es braucht Wiederholung. Jeder nüchterne Tag sammelt neue Daten darüber, wie der Körper sich ohne Substanz anfühlt. Die Insula lernt langsam wieder, zwischen verschiedenen Zuständen zu unterscheiden und sie richtig einzuordnen.

Dafür gibt es mehrere Hebel:

Achtsamkeit und bewusste Körperwahrnehmung

Kleine, wiederkehrende Übungen – ein bewusstes Ausatmen, ein kurzer Check-in mit dem Herzschlag, ein Body Scan – helfen, die interozeptive Sensitivität zu verbessern. Forschung zeigt, dass regelmäßige Achtsamkeitspraxis die Aktivität von Insula und ACC stabilisiert und die Selbstregulation stärkt.

Bewegung und neue körperliche Referenzen

Sport, Spazieren, Dehnen: alles, was mit Körperwahrnehmung zu tun hat, liefert neue Muster: Wie fühlt sich Erschöpfung an? Wie Erholung?
Auch das sind wichtige Datenpunkte für das sich neu ordnende System.

Therapeutische Unterstützung

Besonders in der frühen Abstinenz ist es hilfreich, Unsicherheiten über Körperempfindungen gemeinsam zu sortieren. Viele Menschen erleben Scham, wenn sie das eigene Fühlen nicht einschätzen können – dabei ist diese Phase eine neurologisch erwartbare Reaktion.

Medikamentöse Ansätze

Es gibt erste Hinweise, dass bestimmte Substanzen, etwa Baclofen oder NMDA-Antagonisten, die Insulaaktivität modulieren und Craving reduzieren können. Das ist kein Ersatz für therapeutische Arbeit, aber in manchen Fällen ein ergänzender Baustein.


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Quellen für Blogartikel und Podcastfolge:

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