Home » Psychoaktives Magazin » Verhaltenssucht » Was ist Kaufsucht? Wenn Konsum zur Bewältigungsstrategie wird

Das Wichtigste in Kürze

✓ Kaufsucht ist keine Frage von Disziplin oder Materialismus. Im klinischen Sinn handelt es sich um eine Störung der Impulskontrolle, bei der der Kaufakt selbst zum zentralen Mittel der Emotionsregulation wird und zwar unabhängig davon, ob die Produkte später genutzt werden.

✓ Ein Drittel der Betroffenen von Kaufsucht weißen auch pathologisches Horten auf. Dies erschwert die Behandlung.

✓ Die wirksamste Behandlung ist die kognitive Verhaltenstherapie. Sie fokussiert nicht auf Kaufverbote, sondern auf Auslöser, Gedankenmuster und alternative Formen der Selbstberuhigung. Rückfälle gelten als Teil des Prozesses, nicht als persönliches Scheitern.

✓ Für mehr Informationen findest du die ausführliche Podcastfolge zum Thema “Kaufsucht – wenn Konsum zur Kompensation wird” hier auf deinem Lieblingsplayer.


Inhalt


Was ist eine Kaufsucht?

Black Friday, Rabattsaisons, Weihnachten – die Wochen zum Jahresende sind ein guter Anlass, darüber zu sprechen, wann Kaufen nicht mehr nur Alltag ist, sondern zur Belastung wird. Für die meisten Menschen bleibt Konsum funktional: Dinge besorgen, Angebote nutzen, Preise vergleichen. Doch für einen Teil der Bevölkerung bekommt Kaufen eine andere Bedeutung. Es wird zur schnellen Selbstberuhigung, zur Ablenkung oder zum Versuch, innere Leere zu füllen. In diesen Fällen sprechen wir von Kaufsucht.

Kaufsucht hat wenig mit Materialismus oder schlechter Disziplin zu tun. In der Forschung wird sie als Buying-Shopping-Disorder beschrieben – eine Störung der Impulskontrolle mit suchtähnlichen Mustern. Entscheidend ist nicht der Besitz, sondern das Gefühl beim Kauf: der Moment der Spannung, der kurze Kick der Erleichterung und das anschließende Absinken in Schuld oder Scham. Dieser Zyklus verstärkt sich mit der Zeit, weil das Kaufen eine Funktion übernimmt, die eigentlich aus anderen Lebensbereichen kommen müsste: emotionale Regulation, Selbstbestätigung, Ablenkung von Druck oder Einsamkeit.

Auffällig ist, dass viele Betroffene nicht wahllos kaufen. Die Gegenstände, die im Warenkorb landen, haben häufig eine biografische Bedeutung: Sie erinnern an frühere Rollen, an Sicherheit, an Anerkennung oder an ein Selbstbild, das man im Alltag vermisst. Kaufen wird so zu einem Versuch, Identität zu stabilisieren – nicht rational, sondern emotional.


Was passiert bei einer Kaufsucht im Gehirn?

Die neurobiologischen Muster ähneln denen klassischer Süchte. Das Belohnungssystem reagiert empfindlich auf kaufbezogene Reize: Marken, Angebote, der „Kaufen“-Button. Bereits das Anschauen kann eine dopaminerge Reaktion auslösen. Das Gehirn lernt, dass Kaufen unangenehme Gefühle dämpft, und verstärkt dieses Verhalten. Mit der Zeit nimmt der eigentliche Genuss ab, während der Drang zunimmt.

Gleichzeitig verlieren präfrontale Kontrollmechanismen an Einfluss. Der Moment, in dem man noch sagen könnte „Nein, ich lasse das“, wird kürzer. Entscheidungen orientieren sich stärker an unmittelbarer Entlastung und weniger an langfristigen Konsequenzen. Negative Gefühle wie Stress oder Einsamkeit steigern den Drang zusätzlich, weil das Belohnungssystem auf sie reagiert. Kaufen wird damit zur schnellsten verfügbaren Form der Selbstregulation.


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Warum Kaufsucht oft mit Horten verbunden ist

Rund ein Drittel der Betroffenen hortet zusätzlich. Das hat wenig mit Sammeln zu tun. Horten wird dann klinisch relevant, wenn Wohnräume ihre Funktion verlieren, weil Dinge nicht weggegeben werden können. Für viele steckt dahinter eine starke emotionale Bindung an Gegenstände: Dinge stehen nicht für Besitz, sondern für Erinnerung, Identität, Sicherheit. Etwas wegzuwerfen fühlt sich dann an, als würde man einen Teil seiner selbst verlieren.

Kaufsucht und Horten verfolgen damit ähnliche Ziele: Das eine füllt auf, das andere hält fest. Kurzfristig entsteht ein Gefühl von Stabilität, langfristig wachsen jedoch Schuld, Überforderung und Kontrollverlust.


Wie wird Kaufsucht behandelt?

Die bestuntersuchte Behandlung ist die kognitive Verhaltenstherapie. Sie setzt an Auslösern, Gedankenmustern und Gefühlen an, die dem Kaufimpuls vorausgehen. Ziel ist nicht, nie wieder etwas zu kaufen, sondern die Kontrolle über den Prozess zurückzugewinnen. Viele profitieren davon, Auslöser bewusster zu erkennen, Kaufprozesse zu verlangsamen oder alternative Formen der Selbstberuhigung zu entwickeln. Rückfälle gehören dazu – und werden als Teil des Lernprozesses betrachtet.

Medikamente wie SSRIs können unterstützend wirken, besonders wenn zusätzlich Depressionen oder Angst bestehen. Ihre Wirkung auf die Kaufsymptomatik ist allerdings begrenzt und ersetzt keine psychotherapeutische Arbeit.

Für viele beginnt Veränderung bereits damit, das eigene Kaufverhalten ehrlich zu beobachten: Wann kaufe ich? Was fühle ich vorher, was danach? Diese Fragen klingen simpel, aber sie öffnen die Tür zu einem besseren Verständnis der eigenen Muster. Wer merkt, dass der Druck zu groß wird, kann sich frühzeitig Unterstützung holen – durch Schuldnerberatung, Psychotherapie oder spezialisierte Beratungsstellen.

Kaufsucht ist keine Charakterfrage. Sie ist eine Strategie, die irgendwann hilfreicher erschien als alles andere – und die aufhört zu funktionieren, sobald sie das Leben bestimmt. Veränderung beginnt dort, wo das Verhalten wieder verständlich wird statt vorwerfbar.

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Quellen für Blogartikel und Podcastfolge:

Müller, A., Claes, L., & Kyrios, M. (2021). Object attachment in buying-shopping disorder. Current Opinion in Psychology, 39, 115–120. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2020.08.019
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Müller, A., Laskowski, N. M., Thomas, T. A., Antons, S., Tahmassebi, N., Steins-Loewer, S., Brand, M., & Georgiadou, E. (2023). Update on treatment studies for compulsive buying-shopping disorder: A systematic review. Journal of Behavioral Addictions, 12(3), 631–651. https://doi.org/10.1556/2006.2023.00033
jba-12-631

Müller, A., Laskowski, N. M., & Tahmassebi, N. (2024). Therapie-Tools Kaufsucht: Mit Online-Material (2. neu ausgestattete Aufl.). Weinheim / Basel: Beltz.

Thomas, T. A., Schmid, A. M., Kessling, A., Wolf, O. T., Brand, M., & Steins-Loeber, S. (2024). Stress and compulsive buying-shopping disorder: A scoping review. Comprehensive Psychiatry, 132, 152482. https://doi.org/10.1016/j.comppsych.2024.152482
1-s2.0-S0010440X24000336-main

Vasiliu, O. (2022). Therapeutic management of buying/shopping disorder: A systematic literature review and evidence-based recommendations. Frontiers in Psychiatry, 13, 1047280. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.1047280

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