Das Wichtigste in Kürze – Konsum als Selbstbestrafung
✓ Selbstbestrafender Konsum dient nicht primär dem Genuss oder der Affektregulation, sondern folgt einer inneren Logik: „Ich darf mir nichts Gutes tun.“ Im Zentrum steht ein negatives Urteil über die eigene Person.
✓ Häufig entsteht diese Dynamik im Kontext von Schuld und Scham. Wenn Schuld nicht konstruktiv verarbeitet wird oder sich Scham zu Selbsthass verdichtet, kann Konsum zur inneren Konsequenz oder Strafe werden.
✓ In solchen Fällen ist das Problem nicht fehlende Einsicht, sondern eine Erlaubnisfrage. Abstinenz wird dann als Akt der Selbstfürsorge erlebt – und genau das kann innerlich blockiert sein.
✓ Im Psychoaktiv Podcast findest du eine ausführliche Folge, in der wir den Unterschied zwischen Affektregulation und Selbstbestrafung vertiefen und therapeutische Implikationen besprechen: hier auf deinem Lieblings-Player.
Inhalt
> Was unterscheidet Selbstverletzung von Selbstbestrafung?
> Welche Rolle spielen Schuld und Scham?
Wir sprechen oft darüber, dass Menschen Substanzen konsumieren, um leistungsfähiger zu sein, Stress abzubauen oder unangenehme Gefühle zu regulieren. Doch es gibt eine Dynamik, die deutlich seltener benannt wird: Konsum als Selbstbestrafung. Hier geht es nicht um Lust, nicht um Eskapismus und auch nicht primär um Affektkontrolle. Es geht um eine innere Überzeugung, sich selbst nichts Gutes zuzugestehen.
Was unterscheidet Selbstverletzung von Selbstbestrafung?
Selbstverletzung beschreibt das vorsätzliche Zufügen körperlicher Verletzungen ohne suizidale Absicht und dient meist der Affektregulation. Aktuell wird die Selbstverletzung in der ICD-10 (unser aktuelles Diagnosesystem) als Symptom von einzelnen Erkrankungen beschrieben. In der ICD-11 als eigenständige Kategorie erfasst.
Auch wenn Selbstbestrafung und Selbstverletzung auf dem ersten Blick ähnlich erscheinen, folgt die Selbstbestrafung einer anderen inneren Logik. Im Zentrum steht das Urteil: “Ich darf mir nichts Gutes tun”. Diese Haltung kann sich in unterschiedlichen Lebensbereichen zeigen z.B. in chronischer Selbstüberforderung, Vernachlässigung oder Hochrisikoverhalten. Auf der Grundlage eines labilen Selbstbildes, wird der Konsum genutzt dieses auszudrücken. Man konsumiert, damit es dem Körper so schlecht geht wie ich mich gerade fühle.
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Welche Rolle spielen Schuld und Scham?
Selbstbestrafender Konsum entsteht häufig im Kontext von Schuld- und Schamerfahrungen. Schuld bezieht sich auf eine Handlung und kann konstruktiv sein, wenn sie zu Verantwortung und Veränderung führt. Wird jedoch kein konstruktiver Umgang gefunden, kann sie kippen. Statt „Ich mache es anders“ entsteht „Ich darf mir jetzt nichts Gutes mehr erlauben, weil ich mich so schlecht verhalten habe“. Konsum kann in diesem Kontext als Strafe eingesetzt werden.
Scham richtet sich nicht auf ein Verhalten, sondern auf die eigene Person. Es ist die Bewertung über uns selbst und kann von der Selbstannahme, zur Selbstablehnung bis hin Selbsthass reichen.
Auch die innere Scham kann im Konsum Ausdruck finden.
Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass der Konsum nicht zur Beruhigung von Schuld und Scham eingesetzt wird, sondern der Umsetzung eines negativen Selbsturteils.
Du fühlst dich mit deinem Konsum nicht mehr wohl und möchtest dies gerne ändern? Ich unterstütze dich gerne dabei!
Warum wird Abstinenz dadurch kompliziert?
Wenn Konsum selbstbestrafend funktioniert, bekommt Abstinenz eine andere Bedeutung. Sie ist dann nicht nur eine gesundheitliche Entscheidung, sondern ein Akt der Selbstfürsorge.
Und genau hier kann es innerlich haken. Das Problem ist häufig nicht fehlende Einsicht, sondern eine Erlaubnisfrage. Wer tief verankert glaubt, kein Recht auf ein gutes oder sicheres Leben zu haben, erlebt Abstinenz als ambivalent – selbst wenn alle Argumente dafür sprechen.
Warum ist diese Unterscheidung therapeutisch wichtig?
In der Therapie reicht es dann nicht, nur über Trigger, Verlangen oder Strategien zur Emotionsregulation zu sprechen. Entscheidend ist die Frage nach dem inneren Urteil über die eigene Person. Woher kommt es, wofür wird man verurteilt und ist dieses Urteil heute noch gerecht?
In der Podcastfolge schauen wir uns diesen Mechanismus noch differenzierter an. Wir gehen in Fallkonstellationen aus der Praxis, sprechen über die Gefahr der Verlagerung nach der Abstinenz und darüber, warum Heilung mehr bedeutet als Substanzverzicht. Hier kommst du zur Folge.
