Home » Psychoaktives Magazin » Drogenpolitik » USA greifen Venezuela an: Wurde ein Drogennarrativ zur Rechtfertigung eines Militärangriffs genutzt?

Das Wichtigste in Kürze – USA, Venezuela und das Drogennarrativ

✓ Routenanalysen zeigen: Venezuela ist Teil eines größeren Netzwerks, aber kein dominierender Hauptknoten für Kokainströme in die USA. Zentrale Schmuggelkorridore verlaufen vor allem über Zentralamerika und Mexiko.

✓ Der Begriff „Cartel de los Soles“ entwickelte sich von einem politischen Schlagwort für Korruption zu einem sicherheitspolitisch aufgeladenen Narrativ. Die Darstellung als staatlich organisiertes „Narco-Terror-Netzwerk“ ist empirisch deutlich schwächer belegt als rhetorisch suggeriert.

✓ Der Vorwurf des Narco-Terrorismus verschob den Diskurs von Kriminalität zu nationaler Sicherheit. Dieses Framing kann außergewöhnliche politische und militärische Maßnahmen legitim erscheinen lassen, obwohl Drogenhandel völkerrechtlich kein Kriegsgrund ist.

✓ Eine ausführliche Einordnung der Hintergründe, Routenstrukturen und politischen Narrative findest du in dieser Folge Psychoaktiv.

Inhalt


Was ist passiert?

Am 3. Januar wurde öffentlich, dass die USA einen militärischen Einsatz gegen Venezuela durchgeführt und Präsident Nicolás Maduro festgesetzt hatten. Die offizielle Begründung lautete Narco-Terrorismus: Venezuela sei tief in den internationalen Kokainhandel verwickelt und stelle dadurch eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten dar. Ein solcher Vorwurf wirkt unmittelbar plausibel, weil Drogenhandel, organisierte Kriminalität und Gewalt in der öffentlichen Wahrnehmung eng miteinander verknüpft sind. Doch sobald man sich die realen Strukturen des globalen Kokainmarktes, die Rolle Venezuelas darin und die politische Entwicklung dieses Sicherheitsnarrativs genauer ansieht, entsteht ein deutlich komplexeres Bild.


Wie funktioniert der internationale Kokainhandel tatsächlich?

Der Kokainhandel ist kein chaotisches Untergrundgeschehen, sondern ein stabiles, ökonomisch organisiertes System. Er umfasst Anbau, Verarbeitung, Logistik, Zwischenlagerung, Absicherung durch Korruption und schließlich die Integration in Konsummärkte. Die Produktion beginnt überwiegend in der Andenregion, insbesondere in Kolumbien, Peru und Bolivien. Dort wird Koka zunächst zu Kokapaste und anschließend zu Kokainhydrochlorid verarbeitet – jener Form, die auf internationalen Märkten gehandelt wird.

Entscheidend ist die Logistik. Der Weg vom Produktionsort zum Zielmarkt verläuft selten direkt, sondern über Transitländer und Küstenräume. Schmuggelrouten reagieren flexibel auf politische Veränderungen. Werden Häfen stärker kontrolliert oder militärische Maßnahmen intensiviert, verschieben sich Routen. Dieses System folgt weniger geopolitischer Steuerung als ökonomischer Anpassungslogik. Staaten können Teil dieser Transitstrukturen sein, ohne selbst Zentrum oder Koordinationsinstanz des Handels zu werden. Wer den Kokainhandel als Markt begreift, erkennt, dass Durchgangsrollen nicht automatisch auf staatliche Gesamtsteuerung hindeuten.


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Welche Rolle spielt Venezuela im Kokainhandel Richtung USA?

Analysen internationaler Drogenrouten zeigen seit Jahren ein relativ stabiles Muster für Kokainströme in Richtung USA. Zentrale Korridore verlaufen über Zentralamerika und Mexiko, wobei der Landweg über die mexikanische Grenze logistisch besonders bedeutend ist. Dieses Muster unterscheidet sich klar von Routen in Richtung Europa.

Venezuela taucht in diesen Routenbildern als Transitpunkt auf, jedoch nicht als dominierender Hauptknoten. Es ist Teil eines größeren Netzwerks, in dem Schmuggelrouten je nach politischer Lage, Kontrolldichte und staatlicher Durchlässigkeit wechseln. Solche Verschiebungen sind typisch für adaptive Schwarzmärkte. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Venezuela ein zentrales staatlich organisiertes Drogensystem steuert. Transitbeteiligung bedeutet Einbindung in Marktprozesse, nicht automatisch monopolartige Kontrolle oder koordinierte Gesamtstruktur.


Betreibt das Cartel de los Soles Narcoterrorismus?

Der sicherheitspolitische Kern der US-Argumentation lag im Begriff Cartel de los Soles. Historisch tauchte diese Bezeichnung in den 1990er Jahren auf und bezog sich auf einzelne korrupte Militärangehörige Venezuelas. Es handelte sich nicht um eine klar definierte Organisation mit nachweisbarer Hierarchie, wie man sie von klassischen Drogenkartellen kennt. Über die Jahre entwickelte sich der Begriff zu einem politisch aufgeladenen Symbol für staatliche Korruption.

Mit der US-Anklage von 2020 erhielt dieser Begriff erstmals einen juristischen Rahmen. Unter der erneuten Präsidentschaft Trumps wurde daraus ein sicherheitspolitisches Narrativ. Korruption, Drogentransit und autoritäre Regierungsführung wurden rhetorisch zu staatlich organisiertem Narco-Terrorismus verdichtet. In der Politikwissenschaft lässt sich dieser Prozess als Securitization beschreiben: Ein politisches Thema wird als existenzielle Sicherheitsbedrohung dargestellt, sodass außergewöhnliche Maßnahmen legitim erscheinen. Der Begriff Narco-Terrorismus ist besonders wirkmächtig, weil er Drogenhandel und Terrorismus in einem moralisch stark aufgeladenen Frame verbindet. Empirisch bleibt diese Gleichsetzung jedoch deutlich schwächer belegt, als es die politische Rhetorik suggeriert.


War der Militärangriff der USA auf Venezuela sicherheitspolitisch notwendig oder geopolitisch motiviert?

Völkerrechtlich ist Drogenhandel – selbst wenn staatliche Akteure involviert sind – kein legitimer Kriegsgrund. Internationale Abkommen sehen hierfür strafrechtliche Kooperation und Ermittlungsinstrumente vor, keine militärische Intervention. Gleichzeitig zeigen Routenanalysen, dass der Hauptfluss des Kokains in die USA nicht über Venezuela verläuft. Belege für ein kohärentes staatliches Drogennetzwerk unter zentraler politischer Steuerung sind nicht eindeutig.

Parallel zum Sicherheitsnarrativ trat ein weiterer Faktor offen hervor: wirtschaftliche Interessen im Energiesektor. Venezuela verfügt über enorme Ölreserven, und politische Aussagen nach dem Eingriff betonten Perspektiven der Kontrolle von Exportströmen und Investitionen in die Energieinfrastruktur. Damit steht neben dem Drogennarrativ ein klassischer geopolitischer Aspekt im Raum. Historisch wurden Drogennarrative wiederholt genutzt, um politische oder ökonomische Ziele moralisch zu rahmen und sicherheitspolitisch zu legitimieren.

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Quellen:

Casado, F. (2020). El mito del “Cartel de los Soles”: Narcotráfico, crimen organizado y política en Venezuela (1. ed. digital). Fundación Editorial El perro y la rana.

France24. (2013, September 21). Record 1.3 tonne cocaine haul found on Air France flight. France24. https://www.france24.com/en/20130921-police-seize-1-3-tonnes-cocaine-air-france-flight-valls

Kronick, D. (2020). Profits and violence in illegal markets: Evidence from Venezuela. Journal of Conflict Resolution. https://doi.org/10.1177/0022002719898881

United States Department of Justice. (2025). Superseding indictment: United States v. Nicolás Maduro Moros, et al. U.S. District Court, Southern District of New York. https://www.justice.gov/opa/media/1422326/dl?utm_source=chatgpt.com

United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC). (2024). Main cocaine trafficking routes within the Americas, by air, 2023–2024 [Karte]. UNODC Drugs Monitoring Platform; Global Programme on Criminal Network Disruption (CRIMJUST).

United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC). (2024). Main cocaine trafficking routes within the Americas, by land, 2023–2024 [Karte]. UNODC Drugs Monitoring Platform; Global Programme on Criminal Network Disruption (CRIMJUST).

United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC). (2024). Main cocaine trafficking routes within the Americas, by water, 2023–2024 [Karte]. UNODC Drugs Monitoring Platform; Global Programme on Criminal Network Disruption (CRIMJUST).

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