Das Wichtigste in Kürze – Ambivalenz beim Drogenkonsum
✓ Ambivalenz ist kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern ein normaler und wichtiger Teil von Veränderungsprozessen. Wer ambivalent ist, setzt sich bereits aktiv mit dem eigenen Konsum auseinander.
✓ Typisch für Ambivalenz ist das gleichzeitige Erleben von Pro und Contra: Der Konsum erfüllt Funktionen (z. B. Entlastung, Genuss, Zugehörigkeit), bringt aber auch Belastungen mit sich – ebenso wie Reduktion oder Abstinenz.
✓ Ambivalenz verschwindet nicht automatisch durch Vorsätze oder Konsumpausen, sondern braucht Raum, um verstanden zu werden. Erst wenn alle Seiten benannt werden dürfen, können tragfähige Entscheidungen entstehen.
✓ Im Psychoaktiv Podcast findest du hier eine ausführliche Podcastfolge zum Thema Ambivalenz auf deinem Lieblings-Player.
Inhalt
> Soll ich wirklich aufhören, Drogen zu konsumieren?
> Was bedeutet Ambivalenz beim Drogenkonsum eigentlich?
> Warum kann Ambivalenz auch zu Stillstand führen?
> Warum ist gerade die Entscheidung zu einer Veränderung des Drogenkonsums so schwierig?
Soll ich wirklich aufhören, Drogen zu konsumieren?
„Soll ich wirklich aufhören?“ – „Ist das überhaupt notwendig?“
Für viele Menschen, die Schwierigkeiten mit ihrem Konsum erleben, ist diese Frage kein klarer Entschluss, sondern ein innerer Kampf. Genau hier beginnt Ambivalenz: das gleichzeitige Ziehen in zwei entgegengesetzte Richtungen.
Ambivalenz steht häufig am Anfang eines Veränderungsprozesses und begleitet viele Betroffene über Jahre hinweg. Besonders zum Jahresbeginn, wenn Vorsätze, Dry January oder Konsumpausen im Raum stehen, wird dieser innere Konflikt noch deutlicher. Der Verzicht fühlt sich vielleicht erst gut an: besserer Schlaf, weniger Kontrollverluste, mehr Klarheit. Und doch taucht schnell die nächste Frage auf: Muss das wirklich für immer sein? Oder reicht nicht auch eine Reduktion?
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Was bedeutet Ambivalenz beim Drogenkonsum eigentlich?
Ambivalenz fühlt sich oft an wie innerlich zerrissen zu sein: Man möchte etwas verändern und gleichzeitig nicht. Wichtig ist dabei eine zentrale Einordnung: Ambivalenz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Veränderung.
Ohne Ambivalenz gäbe es keinen Grund, etwas zu hinterfragen. Erst wenn Vorteile und Nachteile sichtbar werden, entsteht überhaupt Motivation zur Veränderung. Ambivalenz bedeutet also, dass gleichzeitig widersprüchliche Motivationen vorhanden sind, etwa:
Ich möchte aufhören und ich möchte weiter konsumieren.
Dieser Zustand ist unangenehm, aber normal. Er lässt sich gut mit einer Entscheidungssituation vergleichen, in der zwei attraktive Optionen gegeneinanderstehen. In etwas so, als hätte ich in einer Dating Phase gleich zwei tolle Menschen auf einmal kennengelernt und da ich monogam bin, mich jetzt für eine Person entscheiden muss.
Warum kann Ambivalenz auch zu Stillstand führen?
So hilfreich Ambivalenz für Veränderung ist, sie kann auch blockierend wirken. Denn je näher man sich einem Pol nähert, desto sichtbarer werden dessen Nachteile.
Wer beginnt, abstinent zu leben, erlebt zunächst positive Effekte. Doch sobald Abstinenz als dauerhafte Perspektive gedacht wird, tauchen neue Fragen auf:
Was ist mit schwierigen Gefühlen? Mit Feiern? Mit Momenten, in denen Konsum bislang Entlastung gebracht hat? In diesen Momenten kann der bisherige Konsum rückblickend weniger problematisch erscheinen und der Status quo plötzlich wieder attraktiv wirken. Ambivalenz kann so dazu führen, dass man im Bestehenden verharrt, obwohl der Leidensdruck eigentlich vorhanden ist.
Du befindest dich gerade in einer Phase der Ambivalenz und möchtest endlich deinen Weg finden? Ich unterstütze dich dabei!
Warum ist gerade die Entscheidung zu einer Veränderung des Drogenkonsums so schwierig?
Gerade bei regelmäßigem oder problematischem Konsum erfüllt die Substanz häufig eine klare Funktion im Alltag: Schlafen, Entspannen, Abschalten, soziale Nähe oder Stressreduktion. Gleichzeitig treten mit der Zeit unerwünschte Folgen auf – gesundheitlich, emotional oder sozial.
Sowohl Konsum als auch Abstinenz haben damit Vor- und Nachteile. Genau das bezeichnet man als doppelten Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt:
Man bewegt sich vom Konsum weg, weil dessen Nachteile spürbar werden und stößt bei der Abstinenz wiederum auf neue Belastungen, die den Konsum erneut attraktiv erscheinen lassen.
Dieser innere Pendelprozess ist komplex und braucht Zeit. In der Therapie ist er kein Umweg, sondern ein zentraler Arbeitsbereich.
Welche Rolle spielt Scham in der Ambivalenz?
In ambivalenten Phasen kommt es häufig zu scheinbar klaren Aussagen wie:
„Jetzt höre ich auf.“ – „Ich kann so nicht mehr weiterleben.“
Was hier oft entsteht, sind Pseudoentscheidungen. Das ist keine Abwertung, sondern eine wichtige begriffliche Unterscheidung. Häufig handelt es sich dabei eher um Wünsche als um tatsächlich getroffene Entscheidungen.
Eine Entscheidung zeigt sich nicht nur sprachlich, sondern vor allem durch Handlung. Bleibt diese aus, entsteht schnell Frustration und Scham. Das Gefühl, „wieder versagt“ zu haben, obwohl man es doch „so klar vor Augen hatte“, kann die Selbstabwertung weiter verstärken.
Gerade Angehörige und Fachkräfte verwechseln Wünsche und Entscheidungen ebenfalls häufig mit der Folge, dass Druck entsteht, bevor innere Klarheit da ist.
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