Das Wichtigste in Kürze
✓ Sucht betrifft Unternehmen aller Branchen und Hierarchieebenen.
✓ Frühes Ansprechen schützt Betroffene und erhält Arbeitsfähigkeit.
✓ Entstigmatisierung und klare Strukturen sind zentrale Präventionsfaktoren.
Warum Sucht am Arbeitsplatz oft unsichtbar bleibt
Sucht ist kein Randthema. Sie betrifft Unternehmen aller Branchen – vom Produktionsbetrieb bis zur Führungsetage. Dennoch bleibt sie im Arbeitskontext häufig lange unsichtbar. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Unsicherheit: aus Angst, etwas Falsches zu sagen, Grenzen zu überschreiten oder Mitarbeitende zu stigmatisieren.
Genau hier liegt das Problem. Wegsehen schützt nicht – Hinschauen kann Leben retten.
Sucht entwickelt sich selten plötzlich. Meist ist es ein schleichender Prozess, der sich gut an berufliche Anforderungen anpasst und lange „funktioniert“.
Frühe Warnsignale erkennen – bevor es eskaliert
Häufig zeigen sich früh Hinweise wie Leistungsabfall, zunehmende Fehlzeiten, Stimmungsschwankungen, Rückzug, Gereiztheit oder auffälliges Risikoverhalten. Besonders in Arbeitskontexten mit hoher Belastung, Schichtarbeit oder Führungsverantwortung werden diese Anzeichen jedoch oft als „Stressphase“ oder „private Probleme“ eingeordnet – und damit normalisiert.
Das Problem: Je länger gewartet wird, desto höher ist das Risiko für gesundheitliche, soziale und sicherheitsrelevante Folgen.
Wie spreche ich es an – ohne zu verletzen?
Für HR-Verantwortliche und Führungskräfte stellt sich daher eine zentrale Frage:
Wie spreche ich das Thema an, ohne zu überfordern oder zu beschämen?
Der wichtigste Grundsatz lautet: Beobachtungen benennen, keine Diagnosen stellen.
Nicht: „Ich glaube, Sie haben ein Alkoholproblem“, sondern:
„Mir ist aufgefallen, dass Sie in den letzten Wochen häufiger fehlen und Termine absagen. Ich mache mir Sorgen – was ist los?“
Ein sachliches, wertschätzendes Gespräch auf Augenhöhe schafft häufig mehr Sicherheit und Offenheit als spätere formale Maßnahmen.
Was Unternehmen konkret tun können
- klare, bekannte Ansprechpersonen (HR, BGM, externe Beratung)
- Schulungen für Führungskräfte im Umgang mit Suchtrisiken
- transparente Stufen- und Interventionspläne
- Enttabuisierung: Sucht als Gesundheits- und kein Moralthema
- Kooperation mit externen Fachstellen
Suchtprävention ist kein „Nice-to-have“, sondern Teil moderner Fürsorgepflicht. Unternehmen, die hinschauen, Gespräche ermöglichen und tragfähige Strukturen schaffen, schützen nicht nur ihre Mitarbeitenden – sie sichern auch Vertrauen, Sicherheit und langfristige Leistungsfähigkeit.
Denn manchmal beginnt Hilfe mit einem einfachen Satz:
„Ich sehe dich – und du musst da nicht allein durch.“
Über die Autorin
Ich bin Alina Meyer-Riad, Suchttherapeutin mit über zehn Jahren Erfahrung in der psychosozialen Begleitung und Beratung von Menschen mit Suchterkrankungen. In meiner Arbeit unterstütze ich sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen dabei, einen bewussten, verantwortungsvollen und entstigmatisierenden Umgang mit dem Thema Sucht zu entwickeln.
Meine Haltung ist nicht nur fachlich, sondern auch persönlich geprägt: Ich lebe seit über drei Jahren abstinent von Alkohol, Tabak und anderen Substanzen (außer Kaffee ☺️). Diese Erfahrung hat meinen Blick auf Prävention, Rückfallrisiken und notwendige Schutzfaktoren weiter geschärft.
Ich erlebe täglich, wie viel bewirken kann, wenn Sucht nicht moralisiert, sondern als das verstanden wird, was sie ist: eine ernstzunehmende Erkrankung. Und wie entlastend es für Betroffene ist, wenn sie nicht allein gelassen werden – auch und gerade im Arbeitskontext.
Hier findest du Alinas Website.



